Kritische Grundlegung der Metaphysik und Systematische Theologie

Das Forum greift das Thema einer mehrjährigen Oberseminarreihe auf, die ab 1984 Wolfhart Pannenberg und Dieter Henrich an der LMU München geleitet haben.

Wir möchten dem damit formulierten Anspruch eines Begründungszusammenhangs von philosophischer und theologischer Reflexion die Treue wahren, die damals angeregten notwendigen Arbeiten fortsetzen und die inzwischen erreichten Einsichten zur Diskussion stellen. Das Forum ist dem Anliegen einer „Systematischen Theologie“ und den Grundlegungsaufgaben der Philosophie verpflichtet und folgt, kritisch prüfend, den Bedingungsreflexionen von Vernunft und Urteilskraft zur Einsichtsbildung dessen, was als glaubwürdig uns in den grundlegenden Fragen recht zu orientieren vermag. Diese Orientierungsgaben aus kulturellem Gedächtnis zu erkennen, begrifflich zu durchdringen und überzeugend darzustellen, ist eine Gemeinschaftsaufgabe, der die Einrichtung dieses Arbeitsplatzes dienen soll.

Der Aufforderung von „Fides et ratio“ folgend, in philosophischer Anstrengung der Arbeit in Begriffen die Traditionen des Ursprungsgedankens, des Gottesglaubens und der Achtung des Heiligen für die vernünftige Einsicht zu erschließen, eröffnet sich mit der Methodenerkenntnis eine für die Grundlegungsarbeit wesentliche Unterscheidung von theoretischem Wissen zu weisungsfähiger Einsicht.

Solche Weisungskraft entfalten die Bedeutungsgedächtnisse jener Begriffe, die wir als Begriffe von Ideen und Prinzipien erinnern. Wir können sie in ihrer maßgeblich gründenden Bedeutung nur vergegenwärtigen und in Geltung halten, wenn wir an ihrem Gründungsanspruch teilnehmen. Wie das Maßgebliche von Prinzipien verfasst und aus der Teilhabe, diese Gabe im Annehmenkönnen mit verantwortend, sich eine allgemein geltende, gemeinschaftliche Einsicht begründen kann, das zu erkunden stellt uns in eine Aufgabe. Nicht die Erklärung des Gegebenen ist Anliegen der metaphysischen Erkenntnis, sondern ihr Bestimmungsgrund erschließt sich aus der zur Kritik unserer Verstandes- und Vernunftvermögen gehörenden Unterscheidung des Gegebenen und des Aufgegebenen (KrV B 526), die mit der Rückwendung auf Ursprung und Grund die Konzeption des Einsichtswegs und seiner Bildung gestaltet.

Prinzipien begegnen uns als maßgebliche und ursprüngliche Bestimmungsgründe von Platon her unter dem Namen der Ideen, ebenso bei Kant an der Schnitt- und Unterscheidungsstelle von Verstand und Vernunft im Übergang von der kritischen Begrenzung des theoretischen Wissens zur praktischen Vernunftverantwortung. Wir wählen hier bewußt den Zusatz Verantwortung der Vernunft (vgl. KrV B 507), um anzuzeigen, dass wir es zwar mit der Kritik der reinen Vernunft für notwendig erachten, Kategorien als Gegenstandsbegriffe von Ideen als maßgeblichen Gründen der Entsprechung zu unterscheiden, erkennen aber in den von Kant angelegten Bestimmungen der praktischen Vernunft einen Mangel an eben der Differenzierung, die er als Hauptaufgabe der Kritik der reinen Vernunft selbst begriff: der Unterscheidung von Kategorien und Ideen (Prolegomena § 41). Kategorien sind Begriffe von Gegenständen überhaupt (KrV § 14), während Ideen von der Maßgabe einer Selbstgemäßheit im sich orientierenden Verhalten von Vermögen, wie der Vernunft selbst, her zu erkennen sind und zu einer Unterscheidung der Erkenntnisarten nötigen.

Daß wir es in der Ideenannahme mit Selbstverhältnissen zu tun haben, deren Rückwendung auf das darin sich erneuernd Ursprüngliche zugleich einen Zustand der Orientierungsbedürftigkeit für das jeweilige Verhalten anzeigt, bindet die Maßannahme in der erneuernden Gründung an die Verantwortung für eine Ungemäßheit, einen Selbstwiderstreit, wie ihn Kant als Fehlschlüsse und Antinomien im reinen Gebrauch von theoretisch-spekulativer Vernunft darstellt. Ideen waren ja durch Sokrates in den Dialogen Platons als das Selbstsein eingeführt, das sich selbst gemäß ist (auo kat‘ hauto: selbst gemäß seiner selbst) und kann darum nur für das orientierend wirken, das in seinen Vermögen auch einer Selbstungemäßheit fähig ist.

Heraklit erkannte schon: die Menschen hätten keinen Begriff von Gerechtigkeit ohne Erfahrung des Ungerechten – und man könnte im Blick auf die Paradieserzählung hinzusetzen – von Ungerechtigkeit durch sie selbst.