Zu Dieter Henrich: Gedanken zur Metaphysik als Alleinheit und ihre Wendung

„Die Gedanken der Metaphysik“ so Dieter Henrich im Vorwort zum Tagungsband „All-Einheit“ (1985) „sind Gedanken von einem Ersten oder Ganzen, in dem wir, was wir von uns selbst zu denken nicht umhin können, als einbegriffen oder als begründet zu denken vermögen.“ Sie gehen als Fragen aus einem sich Besinnen hervor, das in jedem bewußten Leben verankert ist. (S.7) In dieser Besinnung stellt sich gegenüber der „Rationalität der praktischen Selbsterhaltung“ in der Welt die Aufgabe, zu untersuchen, ob und in welchem Sinne eine metaphysische Selbst- und Weltdeutung „auch als in einer Vernunftbegründung verankert oder gar ausgewiesen dargestellt werden kann. Mit dieser Aufgabe steht aber auch der Vernunftsinn seinerseits in Frage“. (S. 8)

Zur dem, was dem Denken sich durch die Fragen der Metaphysik aufgegeben hat, gehört also unabweislich auch die Frage nach dem Verhältnis von Denken und Erkennen durch Vernunft, in deren Folge uns die Erörterung der Begriffe von Vernunft- und Erkenntnisvermögen, ihrer Bedingungen und Möglichkeiten obliegt.

Das Denken einer grundlegenden Einheit, das alles durchwaltet oder gründet, hat aber, wie die Autoren des Kolloquium-Bandes aus Kyoto mehrfach hervorheben, auch eine vernunftpraktische Bedeutung. „Philosophisches Denken ist nicht primär Weltverständigung (…). Es setzt als solches Erfahrungen der Bedrohung voraus.“ Seine Erkundungen „würden nicht einleuchten können, wären sie erschließungskräftig nur für solche, die in eine theoretische Disziplin schon eingeübt sind.“ Das Einsicht eröffnende metaphysische Denken muß „Resonanz haben im bewußten Leben selbst“.(S.8)

Es wird sich in der Kraft einer Orientierung bewähren, darin die Vernunft ihre Bestimmung erkennt und übernimmt, fürsorgend für die in Welt und Geschichte zu sein und zu leben uns befähigenden Vermögen der Seele sein zu können. Diese platonisch geprägte Aufgabe der Vernunft als „epimeleia tès psychès“ weist die zu denkenden Selbstverhältnisse als gebunden an ein praktisch verankertes Weltverhältnis aus, das von seinem Grund her sich nur mit der Übernahme jener Aufgabe erschließt. Der darum als göttlich zu achtende Ursprung kann nur wieder mit der Rückbindung in die Verantwortung aller teilhabenden Vermögen des Selbstseinkönnens als der Bestimmung der Vernünftigkeit gemäß erkannt und als glaubwürdig im Dank des seine ursprünglichen Bestimmungsgründe wahrenden Entsprungenen angenommen sein. Henrich selbst hat von Kants kritischer Grundlegung der Metaphysik her entwickelt, warum der Ursprung unserer Vernunft- und Erkenntnisvermögen nicht auf eine einzige Grundkraft zurückzuführen ist (Kritik an Heideggers Kant-Buch schon 1956), sondern eine „polygonale“ Begründungsstruktur erfordert, also für den Aufweis seiner Einheit eine ursprünglichen Mehrheit von „Ursprüngen oder Quellen“ anzunehmen ist. Wie wir dann als aufmerksame Hörer weiterentwickelt haben, ist in dieser Art der Einheit eine „ursprüngliche Verbindung“ erfordert, darin das, was sich vereint, erst durch die Einung es selbst sein und gedacht sein kann, also nicht als Zusammensetzung von vorgegebenen Elementen oder Fähigkeiten dargestellt werden könnte. Einheit als ursprüngliche Verbindung anzunehmen erfordert Teilhabe und dadurch begründet sich die Unterscheidung zur Theorie.

(vgl. zum Dank: Dieter Henrich, Gedanken zur Dankbarkeit; Martin Heidegger: Denken als Danken im Andenken in „Was heißt denken? und den Schöpfungsmythos der Hopi, in dem der des Ursprungs gedenkende Gesang die Schöpfungsordnung in der Gegenwart ihrer Gründung bewahrt. Nur mit dem Gewahren, daß im Ursprungsverhältnis diese Bewahrung aufgegeben ist, kann sich die metaphysische Erkenntnis von Prinzipien, als ursprünglicher Bestimmungsgründe, von einer Entstehungserklärung von Gegebenheiten in Natur und Kosmos oder Rechtfertigungen von gegebenen Ordnungsstrukturen unterscheiden: mit dem Denken des Ursprungs von Ordnung ist Ordnung zu erhalten aufgeben und eine Teilhabe an der Gründung in Erneuerung gefordert → Ursprung als Rettung gegenüber der Verkehrung oder der Indifferenz; der Ursprung gibt Orientierung und genau darin ist eine Erneuerung gegenwartsfähig. Indifferenz hingegen, wenn das Eine aller Differenz radikal vorgeordnet wäre – und es eine Allheit nicht gäbe, kann nicht ursprünglich sein).

Daraus folgt eine notwendige kritische Stellungnahme zu Überlegungen, die Dieter Henrich in seinem eigenen Beitrag zur genannten Tagung vorträgt: Der Gedanke einer Setzung der Einheit als der Differenz „vorgängig“ (Henrich in „All-Einheit“, S. 35, Differenz radikal abgeleitet, S. 37 differenzlose Einheit) kann sich nicht bewähren, vermag Einheit nicht als ursprünglich zu halten. (vgl. Einheit als ursprüngliche Verbindung).

Identität erfordert ein System von Identitätsbedingungen: Identität als Identität in Unterscheidung von der Unterscheidung (als Handlungsverhalten) kann nur durch ein Verhalten gewahrt sein, das beides ursprünglich vermag; darum wird Unterscheidung als Handlung im Verhalten, nicht als nur gedacht, bestimmt werdende Differenz hier in Anspruch genommen. Ein bloß gedachte Differenz ergibt sich z.B. durch Verneinung. Abgeleitet sind Bejahung und Verneinung als Urteilsfunktionen. Identität wird als solche hingegen durch Einheit ermöglicht, die Einheit einer die Identität eines jeden ermöglichenden Vielheit von Idenitäts- und Einheitsbedingungen im Verhalten sein muß und als bedingender wie bedingter Beitrag in einem gegliederten Selbstsein von dieses tragenden Vermögen gedacht wird).

Die Wahrung des Unsetzbaren im Ursprungsverhältnis

Metaphysik bedarf einer für die Vernunftorientierung im Denken und Handeln bedeutsame Wahrung von Unsetzbarkeit. Dem wird der Ansatz eines differenzlosen Seins, Einen oder Ganzen nicht gerecht. (Wie man aus der Nichtunterschiedenheit die Differenz ableiten will, das hat ja Hegel im Beginn der Wissenschaft der Logik versucht, und ihm hat Henrich selbst nachgewiesen, dass es sich um eine Reflexion handelt, in der die Unterscheidung (von Denken und Gedachtwerdendem) schon vorausgesetzt ist. Selbstanwendung von Kategorien. Negation im Abhalten zur Erzeugung eines Gegebenheitsscheins. Indifferenz von Sein und Nichts kommt durch das Verhalten als gedacht, als angeschaut Werden in Bewegung (Werden), aber als eine urteilen (ist, ist nicht: Sein ist Nichts. Ist es selbst als nicht es selbst …).

Das Setzen ist das Geltendmachen einer Position als Sein in einer Bestimmungserkenntnis.

Das Unsetzbare besagt, dass man es nicht setzen kann und nicht soll. Es bedeutet uns also eine Aufgabe im Verhältnis einer Intention, die eine Begrenzung erfährt: im Verfahren der Ortssuche und der Festlegung einer Stelle, an der etwas als es selbst sein und gehalten, gedach und bestimmt sein kann.

Was in diesem Sinne unsetzbar ist und keiner Bestimmung fähig, wäre kein selbständig Seiendes, sondern an dem, was irgend als es selbst setzbar ist – im Ort seines Begriffs und dem Sein des Bedeuteten als Position (über das Sein hinaus) – nur zu wahren; es gemahnte sein Gedanke an ein Unverfügbares, Unbestimmbares, das nicht zum Fokus oder Gegenstand des bewußtseinsintentionalen Denkens gebraucht werden kann. Auf es kann man sich darum weder positiv (in der Setzung als Bestimmung) noch bloß negativ beziehen, sondern die urteilende Bestimmungshaltung und ihre Ortssetzuungsbezogene Intention auf ein Sein (als gegeben, als gedacht, als vorgestellt oder eingebildet, also irgend im Urteilen des Verstandes) wendet sich. Ihr ist die Wendung mit dem Gedanken an das Unsetzbare aufgegeben und ist in der Aufnahme dieses Begiffsworts (ins eigene Denken) auch schon (als Aufgabe) angenommen.

Durch es sind wir gehalten, das Maß der Angemesssenheit in allem zu halten, das im Gesetztwerden (durch seinen Begriffe) an einem Unverfügbaren, Unsetzbaren, Unerkennbaren (im Grundverhältnis) teilhat.

Die Aufgabe der Wahrnung des anhypotheton geht ein in die Grundlegung der Sittlichkeit und Moralität und leitet die Bildung der Achtungsvermögen an – zur Vereinigung von Empfindung und Vernunft, die nur angenommen werden kann, wenn sie mitvollzogen wird, wenn wir der Achtungsbedingung von Vernunfteinsicht entsprechen: in der Achtung der Dinge, in Achtung der Vermögen – auch der Begriffe – , und der Achtung der Würde der Person.

Das Unsetzbare – anhypotheton – weist uns also in ein Mitvollziehen und Mitwirken, ein Mitsprechen und Mitdenken.

Das Eigesehenwerdende ist das, „was die Vernunft unmittelbar ergreift, indem sie mittels des durchdenkenden Vermögens (dialegestai) Voraussetzungen macht, nicht als Anfänge, sondern wahrhaft Voraussetzungen als Einschritt und Anlauf, damit sie bis zum Aufhören aller Voraussetzung (tou anhypothetou), an den Ursprung (archè) von allem gelangend, diesen ergreife, und so wiederum, sich an alles haltend, was mit jenem zusammenhängt, zum Ende hinabsteige, ohne sich überall irgend etwas sinnlich Wahrnehmbaren, sondern nur der Begriffsformen (eide) selbst gemäß ihrer selbst dazu zu bedienen, und so am Ende eben zu ihnen, den eide [selbst, also der Ideenbedeutung von Begriffen] gelange.“ (aus dem Liniengleichnis, Platon, Politeia 511b/c)