Principium

Timor Dei principium sapientiae

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Zur Architektonik der Metaphysik

Die redaktionelle Bezeichnung ‚meta ta physika‘ erhielt im Laufe der Rezeptionsgeschichte dieser Vorlesungsskripte von Aristoteles, die nach (meta) der Abhandlung über Physik angeordnet waren, aus der thematischen Abgrenzung die Bedeutung von Erkenntnissen, die nicht in den Gegenstandsbereich der Physik fallen. Aus dem anordnenden ‚danach‘ wurde ein sachliches ‚darüber hinaus‘, dessen Gebiet durch die Umgrenzung des Erfahrungsbereichs von gegenständlich Erscheinendem zunächst nur negativ bestimmt ist. (→Sein, Grenze, Kritik)

Die eigenen, ein Gebiet erschließenden und rechtfertigenden Prinzipien wurden damit auf eine durch diesen Bezug bestimmte Weise fragwürdig. Durch die Philosophiegeschichte hindurch begegnen so immer wieder negierende Charakterisierungen des Zuständigkeitsbereichs des Metaphysischen wie das Nicht-Körperliche, Nicht-Zusammengesetzte, das Nicht-Sinnliche, das Nicht-Emprische oder Nicht-Gegenständliche. Durch solche abgrenzenden Entgegensetzungen bleibt aber die metaphysischen Erkenntnis auf die Erkenntnisart des sinnlich und erfahrbar Erscheinenden bezogen. Das verleiht ihr den gewohnt theoretischen Charakter. Der Bereich des Praktischen hingegen scheint von hier aus der Metaphysik eher fremd. Eine „Metaphysik der Sitten“ wird erst möglich, wenn sich dieser entgegensetzende Bezug ihres Ausgangs wandelt.

Dieser nach Aristoteles einsetzende philosophiegeschichtliche Differenzierungsprozess findet seinen methodenreflektierten Abschluß in Kants Kritik der reinen Vernunft, die das Gegenständliche überhaupt für das Bewußtsein von Gegebenheit an die Funktion von Kategorien bindet, von denen er zeigt, dass ihre Funktionen ein Verhältnis zu gegebener Anschauung erfordern, aber keinen „transzendentalen“ Gebrauch verstatten, also nicht reflexiv anwendbar sind zur Bestimmung ihrer selbst und der ihnen zugrundeliegenden Vermögen und zugehörigen Funktionen.

  • Metaphysische Erkenntnisse und die Bestimmung von Prinzipienbegriffen wird sich nicht in Urteilen darstellen lassen, die verstandesgemäß gebildet sind. Durch sie werden keine Gegenstände von nur besonderer Art dargestellt; sie erzeugt oder entwirft keine der Gegenstandserkenntnis analoge Art der Prinzpienerkenntnis.
  • Leitbegriffe für die Prinzpienerkenntnis können darum auch nicht die Noumena (reine Verstandesgegenstände) sein; durch sie sind keine Prinzipien oder Ideen von Vermögen, wie die des Verstandes oder der Vernunft, gegeben.

Mit Kants Kritik wären „metaphysische Gegenstände“ problematisch. Ihr Gedanke schlösse ihre Erkennbarkeit aus. Entweder bindet man dann Erkenntnis überhaupt an Gegenstandserkenntnis aus Erfahrung und depotenziert die Erkenntnistheorie zu einem Gedankenexperiment, von dem man nicht mehr angeben kann, wie es sich bewähren könnte. Oder es muß eine andere Art der Erkenntnis als die Gegenstandserkenntnis geben.

Metaphysik hat also keine Gegenstände, hat keinen eigenen Gegenstandsbereich, sondern Prinzipien zu erkennen, zu denen auch die Bedingungen des Verhaltens zu möglichen Gegenständen und ihrer Gegenständlichkeit gehören, durch die sich ein eigener Bereich des Erkennbaren konstituiert. Kant nennt die Prinzipienerkenntnis von Bedingungen der Möglichkeit von Gegenständen und ihrer Erfahrung eine transzendentale Erkenntnis. Ihre Darstellung umfasst das Verhältnis von Formen der sinnlichen Anschauung und des Vermögen und Funktionen des urteilenden Verstandes, die in jeder Gegenstandserkenntnis vereint sind und darum die Geltung des einen das Vermögen des anderen erfordert.

Durch die Analytik des Verstandes werden mit der Tafel, der Deduktion und den Schemata der Kategorien Grundsätze erkannt, durch die die Bedingung der Möglichkeit von Gegenstandserkenntnis überhaupt erschlossen sind.

Sie schließen mit den Postulaten des empirischen Denkens ab und es ist bemerkenswert, daß die Reflexion der Bedingungen von Gegenstandserkenntnis in der transzendentalen Ästhetik mit einer metaphysischen Erörterung von empirische Wahrnehmung bedingender, aber nicht aus Erfahrung gegebener Begriffe einsetzt. Von hier spannt sich ein Bogen zur Beurteilung der Erkenntnisgeltung im Urteil durch die Modalkategorien, die nur in der Verbindung mit sinnlicher Anschauung zum Sein als Position eines Dings für das Empirische des Verstandesdenkens führt und eine Unterscheidung des nur erst Gedachten vom Erkannten ermöglicht.

Ein unbedingter Gebrauch von Kategorien, der sie ohne Sinnlichkeitsbedingungen durch Urteilsbildungen nur aus Denken mit dem Sein verknüpfte führt zu Widerstreiten der Vernunft im Denken.

Kants Kritik leistet die für die Bestimmung des Begriffs der Metaphysik geforderte Unterscheidung durch Kritik der Vermögen und weist ihre nicht mehr hintergehbare Unterscheidungen von Verstand, Vernunft und Urteilskraft als Bedingung für die Grundlegung einer Metaphysik auf, die sich nicht mehr aufgrund mangelnder Differenzierung und methodischer Unbedachtheiten selbst widerstreiten müsste, sondern die unvermeidlich auftretenden Widerstreite im begreifenden Denken erkennt und durch die Kritik der eigenen Vermögen auf einen Lösungsweg bringt, der Identität und Unterscheidung in reflexiven Einteilungen wahrt und in eine rechte Ausrichtung bringt. Das Zeigen als Weisung ist nicht nur ein leiser Wink und bedarf der Arbeit der Begriffe.

Die Hauptunterscheidung, die dafür gefordert ist, liegt darum in der Unterscheidung von Kategorien und Ideen (Prolegomena § 41). Ohne sie als Hauptaufgabe einer Kritik der Vernunftvermögen (zur Differenzierung theoretischer und praktischer, reflexiver, konstitutiver und regulativer Erkenntnismomente) ist keine Erkenntnis von Prinzipien möglich. Während Kategorien Begriffe von Gegenständen überhaupt (KrV §14) sind, können Ideenbegriffe nur in ihrer paradigmatisch praktischen Bedeutung, also in einer Vernunfterkenntnis aufgenommen werden, die die Vernunft als an sich praktische mit den Ideen der Freiheit, der Sittlichkeit und des Rechts in ursprünglicher Verbindung erkennt und mit einer für die Bedingungserkenntnis zuständigen Reflexion der Urteilskraft vereint.

Die Prinzipien, Ideen und Vermögen bilden mit ihren Begriffen ein Gefüge, das nicht durch Kategorien verknüpft und als Gegebenheit oder als daseiend vorgestellt werden kann. Verbunden werden sie in den erforderten Verhältnisbestimmungen zu den als ausgeübt anzunehmenden Vermögen vielmehr durch an Entgegensetzungen teilhabende Vermittlungsfunktionen und den den ihre Verhaltensverhältnisse strukturierende Paare von Reflexionsbegriffen.

Verstand, Vernunft und Urteilskraft werden in ihren grundlegenden Bestimmungs- und Aufgabenbereichen voneinander durch Zuordnung von genau drei Reflexionsbegriffspaaren unterschieden, durch die die Verhältniss ihrer Vermögen zu ihren Bedingungen in spezifischen Konstallationen begreiflich werden. Kant listet sie im Amphiboliekapital an der Schnittstelle zwischen Analytik des Verstandes und der Dialektik der reinen Vernunft auf, weist auf die Ästhtik als differenzierender Vermögensbezug zurück, nennt aber vier statt der nur drei rechtfertigbar möglichen Paare. (Kant nennt noch ein viertes Reflexionsbegriffspaar: Innen und Außen, das jedoch für die Strukturbildung der metaphysischen Prinzipienerkenntnis untauglich und vollkommen entbehrlich ist.)

Die Zuordnung von Reflexionsbegriffspaaren erzeugt durch ihre Strukturierung des erforderten Verhaltens zu ihren Bedingungen eine methodische Unterscheidungseinsicht der Erkenntnisvermögen von Verstand, Vernunft und Urteilskraft jeweils in ihrer Aufgaben- und Erfüllungsbestimmung: für den Verstand gegenüber der Wahrnehmung, die als Wahrnehmungsurteil unter Erkenntnisgeltungsbedingungen steht, die nur durch Verstandesfunktionen im Urteil erfüllbar sind und umgekehrt.

Vernunft ist mit Einsicht in der Reflexionunterscheidung von Einstimmung und Widerstreit auf die Rechtfertigung von Ordnung und von Recht nach Gesetzen sich ausrichtenden Entscheidungshandeln bezogen.

Für die Urteilskraft als dem eigentlichen Vermögen der Reflexion ist das Reflexionsbegriffspaar Identität und Unterscheidung leitend, das in der Einteilung selbst die Reflexivität der Erkenntnis formiert.

Die Reflexion ist also der Urteilserkenntnis zugeordnet und nicht dem Verstandesdenken.

 

29. September 2018, He

Sein, Grenze, Kritik

Gegenüber dem Bereich der physischen Gegenstandserkenntnis ist der metaphysische Erkenntnisanspruch nicht einfach negativ bestimmt.

Die Begrenzung des rechtfertigbaren Gebrauchs erfolgt in Erkenntnis von Bedingungen der Möglichkeit von Gegenständen der Erfahrung zusammen mit dem Ausweis der Unmöglichkeit der Rechtfertigung eines von der Rezeptivität der sinnlichen Wahrnehmung unabhängigen Gebrauchs von Kategorien, die ja Begriffe eines Gegenstands überhaupt sind.

Einem Gebiet, das als der Rechtfertigung fähig umgrenzt durch ihm eigene Prinzipien beherrscht und durch diese darstellbar geworden ist, wird ein Ungebiet gegenüberstellt, das weder stehen noch liegen kann und weder Grenze noch Maß hat und der theoretischen Intention von Metaphysik keinen möglichen Gegenstand bieten kann.

Damit ist Metaphysik im Angesicht dieser Verwerfung in ein widerstreitvolle Gebietsannahme eines ungegenständlichen Gegenstandsbereichs auf theoretische Weise nicht möglich und fordert die Kritik an ihrer auf das Sein als Gegebenheit bezogenen Erkenntnisintention. Die Kritik wird darum nicht durch Negation, sondern durch Einteilungsreflexionen von unterschiedlich sich ausrichtenden Vermögen, zu deren Grund die Erinnerung an den zu lösenden Widerstreit bleibend gehört.

 

 

 

 

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